Musée Rodin, Paris

Hôtel Biron, 79 Rue de Varenne, 75007 Paris

Der 1732 zuerst als Privatanwesen im 7. Arrondissement in der Nähe der Invalidenkirche fertiggestellte Prachtbau gehörte u.a. zum Besitz des Klosters Sacré-Coeur und später dem Staat, der die im Lauf der Zeit verwahrlosten Räumlichkeiten als Unterkünfte und Ateliers mit großen Fenstern in hohen Sälen günstig an Künstler vermietete. Auguste Rodin lebte dort 1908 bis 1917. Auch Jean Cocteau, Henri Matisse, Rainer Maria Rilke und Isadora Duncan wohnten hier. Auf Grund nach außen dringender Skandale wurde der Ruf nach Schließung laut. Rodin setzte, nachdem er bereits ein anerkannter und wirtschaftlich erfolgreicher Bildhauer war, durch, dass ein Museum eingerichtet wurde. Im Gegenzug überließ er seine Zeichnungen, Skulpturen und Korrespondenzen dem Staat. Sie werden seit 1919 im Hôtel Biron und dem angeschlossenen Park ausgestellt.

Das Höllentor / Eva / Ich bin schön

 

 

Viele von Rodins Skulpturen sind menschliche Emotionen in erotischer Form - Entfremdung, Konflikt, Verzweiflung, Kampf, Gewalt. Der weibliche Körper ist vor allem in seinem Spätwerk, in den Zeichnungen, entstanden seit 1890, ein Tempel der Sinnlichkeit, der topografisch detailliert erfasst wird bei gleichzeitiger Konzentration auf das Geschlecht als "Ursprung der Welt" (Herr Rodin ist unterwegs um Kathedralen zu besichtigen, heftete er an einen Zettel an die Tür, wenn er mit einem Modell oder einer Muse ungestört sein wollte.)

Auguste Rodin: "Ich habe den lauten Schrei meiner Seele im Kampf um die Frau gehört. Ich habe mir selbst nachspioniert in den Augenblicken meiner Leidenschaft, der Vergiftung durch die Liebe, und ich habe sie für meine Kunst studiert." * 8000 Blätter, eine Enzyklopädie weiblicher Bewegungen und Positionen sind aus dem zeichnerischen Nachlass im Hotel Biron deponiert, wo die meisten von ihnen entstanden, als er dort alleine lebte. "In der klösterlichen Abgeschiedenheit überlässt er sich fern aller Welt, mit inniger Freude dem Studium junger, schöner Frauenkörper. Hier wo junge Mädchen unter der Obhut ehrwürdiger Nonnen ihre Erziehung genossen haben, widmet sich der große Bildhauer mit Inbrunst der Verehrung physischer Schönheit, und seine Liebe zur Kunst ist sicher nicht minder rein und aufrichtig, als die Gottesfurcht, die den Schülerinnen von Sacré-Coeur ins Herz gepflanzt wurde." *

Rainer Maria Rilke* würdigt Auguste Rodin, für den er in den Jahren 1905/06 als Privatsekretär tätig war und der umgekehrt großen Einfluss auf ihn ausübt, mit einer Monografie. Über Kreativität und Sexualität schreibt er: "... liegt ja künstlerisches Erleben so unglaublich nahe am geschlechtlichen, an seinem Weh und seiner Lust, dass die beiden Erscheinungen eigentlich nur verschiedene Formen einer und derselben Sehnsucht und Seligkeit sind."

Skandal um das von einer literarischen Gesellschaft 1891 in Auftrag gegebene Denkmal für den Schriftsteller Honoré de Balzac, eine Skulptur, die als Höhepunkt und Abschluss der künstlerischen Entwicklung Rodins gilt - mit einer autoerotischen Geste unter einem abstrahierten Umhang (in einer vorbereitenden Aktstudie ohne Mantel). Auguste Rodin, künstlerisch potent, eine schwergewichtig personifizierte Naturkraft, zahlreiche Verhältnisse pflegend, hatte nochmals den künstlerischen Prozess in einer Figur erotisiert, wobei er sie rasch aufs Papier warf, in Ton modellierte, deformierte, fragmentierte, abstrahierte und in Originalgröße grob in Gips präsentierte. Die Auftraggeber lösten den Vertrag mit Rodin, der Balzac wurde als formlose Masse, als kolossaler Fötus bezeichnet. Erst später wurde er in Bronze gegossen, steht nun auf einem Platz an der Ecke Boulevard Montaparnasse / Boulevard Raspail und im Garten des Musée Rodin.

Diese Präsentation fand 1898 im "Salon" statt, der wichtigsten jährlichen Kunstausstellung in Paris. Rodins zweites Werk dort war ein Kontrast zum groben Profil, den anatomischen Ungenauigkeiten und der rauen, gipsernen Struktur des nicht oberflächen- behandelten Balzac, "Der Kuss": schimmernder, weißer glatter Marmor für ein idealisiertes, überirdisch schönes Liebespaar. Die tragische Geschichte um Paolo und Francesca war ursprünglich als Motiv für Rodins "Höllentor" gedacht, wurde dann aber aus dem Konzept heraus genommen, des Dramas enthoben und als eigenständige Skulptur geschaffen.

 

 
bookmark in your browserbookmark at mister wongbookmark at del.icio.usbookmark at digg.combookmark at furl.netbookmark at linksilo.debookmark at reddit.combookmark at spurl.netbookmark at technorati.combookmark at google.combookmark at yahoo.combookmark at facebook.combookmark at stumbleupon.combookmark at propeller.combookmark at newsvine.combookmark at jumptags.com